Tip Berlin: Politik von der Stange

Das Berlin Strippers Collective verbindet Feminismus, Sexarbeit und Unterhaltung und zeigt, wie Selbstverwirklichung und Sexarbeit aussehen kann.

Written by Ina Hildebrandt
Photos by Ida Tangeraas; Kovacs Laszlo

Stripperinnen haben nicht viel im Kopf, verdienen dafür eine Menge Geld. Stripperinnen sind Opfer, haben Drogenprobleme und keine andere Wahl. Stripclubs sind Orte der puren Unterdrückung und Objektifizierung von Frauen. Mit diesen Klischees über ihre Zunft wollen Edie, Fifi, Mia und Chiqui brechen. Sie sind Freundinnen, arbeiten als Stripperinnen und bilden zusammen mit sechs weiteren Freuen den harten Kern des Berlin Strippers Collective (BSC). Es sei nicht so, dass diese Stereotype über ihre Arbeit komplett falsch wären, aber eben nur ein Teil der Wahrheit, sagt Mia beim Treffen in einem Neuköllner Café.

Das wird schnell klar, wenn man sie über Kapitalismus, Feminismus, Kunst und den Spaß am Ausziehen reden hört. 2019 haben sie sich zusammengetan, weil sie unzufrieden mit den patriarchalen Machtstrukturen in der Branche und den teils sehr hohen -beteiligungen der Strip-Clubs an den Einnahmen der Stripperinnen waren. Und es immer noch sind. Einfach ändern lässt sich das nicht, denn für die Club-Besitzer*innen ist das System profitabel. „Also haben wir beschlossen, unser eigenes Ding zu machen. Auch, weil wir ein kreativeres, offeneres und bestärkendes Umfeld schaffen wollen“, sagt Edie.

De Frauen verstehen sich als Sexarbeiterin und Performerin. Sie kommen aus verschiedenen Ländern, sie Mathematikstudentinnen oder ehemalige Büroleiterinnen und zwischen 20 und 40 Jahre alt. Sie alle eint die Freude an der Arbeit und der Wunsch nach mehr Selbstbestimmtheit, Anerkennung und individuellem Ausdruck. Vom befreundeten East London Strippers Collective übernahmen sie die Idee, eine Art Aktzeichenkurse im Stripclub zu veranstalten. Die Stripperin wird zum Modell, das an der Stange teils sehr akrobatische Posen einnimmt. Für die Zeichner*innen ergeben sich so ungewohnte Perspektiven auf den weiblichen Körper. Die gut besuchtenVeranstaltungen ermöglichen den Frauen, ihre tänzerischen Fähigkeiten und Vorliebe für 18 Zentimeter hohe High Heels mit Menschen zu teilen, die sonst nicht unbedingt mit Stripperinnen in Kontakt kommen würden.

Die Frau an der Stange ist das Symbol für Striptease schlechthin. Mittlerweile ist Poledance aus dem Rotlicht-Milieu in die Tanzstudios gewandert, wird als künstlerisch sowie als empowernd betrachtet und ist durch Musikerinnen wie FKA Twigs auch in der Popkultur angekommen. Diese positven Zuschreibungen scheint Poledance jedoch zu verlieren, sobald er von Sexarbeierinnen ausgeübt wird. Das Berlin Strippers Collective hat die Erfahrung gemacht, dass sie für Performances nicht gebucht wurden, weil man letztlich doch lieber eine Poledance-Gruppe haben wollte.

Das Kolletiv wehrt sich gegen die Vorstellung, dass selbstbestimmte Sexualität aufhört, sobald Geld ins Spiel kommt. „Die Leute haben ein Problem damit, wenn ich als Frau meine Sexualität ausleben und daraus Profit schlagen will, indem ich sage: ,Du kannst mich anschauen und anfassen, aber bezahle dafür’“, sagt Chiqui. Dabei liebe sie es, auf der Bühne zu stehen oder auf dem Schoß ihrer Kund*innen zu tanzen.

Wir sind eine Art emotional unterstützende Alleinunterhalterinnen

Sie sind es leid, sich zu rechtfertigen – Auch der Vorwurf, sie würden sich ausbeuten lassen, ärgert Fifi. „Meiner Ansicht nach ist jede Arbeit im kapitalistischen System ausbeuterisch“, sagt sie und verweist auf schlecht bezahlte Pfleger*innen oder depressive CEOs, die ihr im Club von enormem Leistungsdruck erzählen. Die Frauen seien es leid, sich anderen gegenüber rechtfertigen oder bei der Bewerbung um eine Wohnung einen anderen Beruf anzugeben zu müssen, weil sie als Stripperinnen schlechtere Chancen hätten. Sie wollen sich weder von radikalen Feministinnen noch von Moralhütern vorschreiben lassen, was sie mit ihrem Körper tun dürfen.

Der Stigmatisierung von Sexarbeiterinnen versuchen sie mit Aufklärung entgegenzutreten, indem sie Texte auf ihrer Website veröffentlichen oder bei Veranstaltungen zu dem Thema sprechen. Dass sie als Aktivistinnen in einer vergleichsweise privilegierten Situation sind und nicht für Kolleginnen in prekären oder gar kriminellen Umständen sprechen können, ist den Frauen bewusst.

Umso wichtiger findet Mia, durch solidarische Vereinigungen in dieser Branche für Sichtbarkeit und bessere Arbeitsbedingungen einzutreten. Ihr Kollektiv verstehen sie als einen notwendigen Schritt dahin, ihre Art von Sexarbeit inklusiver, feministischer und unterhaltsamer zu gestalten.

Eine weiteres Format dafür sind die „Stripper Stories“, eine Mischung aus persönlichen Geschichten sowie Anekdoten aus dem Stripperinnenleben und erotischen Pole-Performances. Das Publikum erfährt, was diese Arbeit wirklich bedeutet. Denn neben dem Ausziehen auf der Bühne oder Lapdance am Kunden verbringen Stripperinnen viel Zeit damit, diesen zuzuhören. „Unsere Arbeit ist eigentlich weniger eine sexuelle Dienstleistung, sondern eher eine psychologische. Wir sind sozusagen emotional unterstützende Alleinunterhalterinnen“, sagt Chiqui.

Die Corona-Pandemie und die damit einhergehende Schließung der Clubs hat den Stripperinnen, so wie allen Sexarbeiterinnen, hart zugesetzt. Für das Kollektiv sei das jedoch eine fruchtbare Zeit gewesen. Die Frauen konzipierten kostenpflichtige Online-Shows, in den sie noch mehr mit ihrer Mischung aus Erotik und Unterhaltung experimentierten. Das positive Feedback der Zuschauer*innen, teil aus Indien und Südafrika, hat sie in ihren Ideen bestärkt. In den vergangenen Wochen haben sie als Teil der immersiven Ausstellung „Overmorrow“. im Club Wilde Renate performt, nun stehen wieder ihre eigenen Showformate an.

Der große Traum ist es, irgendwann einen eigenen Club zu haben. Eine Herausforderung in einer Stadt, deren Partykultur Sex und nackte Haut quasi zum Nulltarif bietet. Deswegen hält Mia konventionelle Stripclubs auch für obsolet, und weder sie noch die anderen sind daran interessiert. Sie stellen sie einen Ort für Workshops, künstlerische Aktivitäten und performance-Shows vor. „Durch unsere Arbeit haben wir viel Wissen über Sinnlichkeit, Sexualität und Empowerment erlangt, das wir teilen möchten“, sagt Chiqui.

Tip Berlin
Heft 22|20 49. Jahrgang
Pages 30 – 31

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